Ein Schuh als Gegenmodell:
Der Brütting „Road Runner”
Gerrit Terstiege
Um gute, schlichte Sportschuhe zu finden, muss man oft weite Wege auf sich nehmen. Dabei ist die Auswahl heute sicher größer denn je. Aber wie in vielen anderen Produktsegmenten, ist das riesige Angebot nicht gerade hilfreich, um zum Ziel zu gelangen. Betritt man heute ein Sportgeschäft, kommt einem als Wunsch sofort das Credo von Dieter Rams in den Sinn: „weniger, aber besser“. Allein die Vielzahl der verwendeten Formen, Farben und Materialien der diversen Hersteller, das oftmals laute Branding, die vehemente Zurschaustellung technischer Features: all das lässt einen kopfschüttelnd zurück. Vielleicht erinnern sich noch manche an eine so frappierende wie einleuchtende Bildgegenüberstellung im Magazin der Süddeutschen Zeitung: Auf der einen Seite war der Potsdamer Einsteinturm des Architekten Erich Mendelsohn zu sehen, auf der anderen ein moderner „Sneaker”. Das in den Jahren 1920 bis 1922 errichtete Observatorium ist ja bekanntermaßen ein frühes Beispiel für expressive und organische Architektur. Und eben jene kurvenreichen Formen finden sich heute durchaus wieder in den Wülsten und in der Linienführung von voluminös aufgeschäumten Sohlen, die durch immer stärkere Dämmung das Gewicht des Läufers abfedern sollen. Aber auch der Oberschuh wird häufig durch Muster, Farben, Perforationen, Schnür-Mechaniken und farbige Ziernähte zu einer dynamischen Flächenkomposition, auf dass der Schuh in seiner Gesamtwirkung skulptural und gleichzeitig rasant erscheine. All dies hat das Ziel, Blicke auf die Sneaker zu lenken, sie in Mode-Statements und „Conversation Pieces” zu verwandeln, mit denen man Eindruck erzeugen kann, ganz unabhängig von der eigenen Fitness und sportlichen Leistungsfähigkeit. Bei einem solchen zur Schau gestellten Futurismus an den Füßen wünscht man sich die schlichten, hellen Laufschuhe zurück, wie sie der Astronaut in der berühmten Jogging-im-Raumschiff-Szene in Kubricks „2001 … Odyssey im Weltall” trägt.
Links die historische Variante (1970) der Brütting Road Runner aus der Sammlung des Sportmuseum Berlin, Schenkung: Werner Sonntag. © Sportmuseum Berlin. Rechts: das heutige, behutsam modifizierte Modell. © Brütting
Handarbeit in Deutschland hat ihren Preis – aber auch zur Folge, dass man viele Jahre Freude an einem Produkt haben kann. © Brütting
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