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Eine tiefschwarze Fläche mit Noppen

Gerrit Terstiege

Die Unterlage Area
Die Unterlage Area ergänzt seit Jahrzehnten den privaten Arbeitstisch von Dieter Rams. © Dieter Schwer
Die Unterlage auf dem Vitsœ-Doppelplatten-Tisch RZ 57 in Dieter Rams‘ Studio gehört wohl zu den unschein­barsten Gegenständen, mit denen der Gestalter schon viele Jahre lebt. Sie fügt sich so selbstverständlich in den Arbeitsraum ein, dass sie wie ein fester Bestandteil wirkt: notwendig, funktional, weitgehend zurück­haltend. Wären da nicht die markanten großen Noppen, die die Fläche auf beiden Randbereichen strukturieren und der Schreibunterlage Charakter verleihen. Rechts und links sind es jeweils 26: vier schräg platzierte, gestaffelte Fünfer-Reihen und oben und unten jeweils drei runde Erhöhungen. Bei Noppen denken Braun-Kenner natürlich sogleich an jene, die bei den Rasierern der Marke verstärkt ab den 1970er Jahren für Griffig­keit sorgten und zu einem unverwechselbaren Merkmal geworden sind. Als gelungenes Beispiel wäre hier der Rasierer micron von Braun zu nennen, den Roland Ullmann in der Rams-Ära gestaltet hat und der 1976 auf den Markt kam. Bei der silbernen Gehäuse-Variante des micron setzen sich die schwarzen Noppen besonders deutlich ab und stellen sicher, dass das wertvolle Gerät weder aus der Hand noch vom Waschbecken rutscht. Doch zurück zur Schreibunterlage: In ihrem oberen Bereich gibt es definierte Ablageflächen für Stifte und andere Büro-Utensilien, jeweils begrenzt durch längliche Erhöhungen. Eine den unteren Rand umlaufende Einbuchtung sorgt dafür, dass Schreibgeräte nicht vom Tisch rollen. Zu guter Letzt lassen auch die abgerun­deten Ecken als Designmerkmal an Braun denken – zumal in Schwarz und in Kunststoff. Alles in allem also ein formschönes, einfaches und durchdachtes Produkt. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die Tisch-Unterlage sei ein Entwurf von Dieter Rams oder aus seinem Team. Doch bei näherer Betrachtung liest man folgenden Text am Rand: „Area design Kuno Prey Copyright Nava Milano spa / Made in Italy”. Also doch kein deutsches Produkt.
Technische Zeichnung der Area Tischunterlage. © Kuno Prey
Kuno Prey, der die Tischunterlage zwischen 1986 und 1987 entworfen hat, kann sicher weiterführende Informationen geben. Der Designer und Professor Prey ist heute 68, er lehrte von 1993 bis 2002 Produktdesign an der Bauhaus-Universität in Weimar. 2002 kehrte er in sein Heimatland Südtirol zurück, wo er an der Freien Universität Bozen die Fakultät für Design und Künste gründete. Dort ist er nach wie vor als Professor für Produktdesign in Lehre und Forschung tätig. Zunächst überrascht seine Aussage zum Hersteller der Area-Unterlage: „Nava ist eine – heute unter dem Namen „Nava Press” operierende – Druckerei mit hohem Ansehen. In den 1980er Jahren hatte man führende Grafiker mit dem Entwurf von Terminkalendern beauftragt – die die Funktion von edlen Werbegeschenken hatten. Die Kollektion wurde dann durch Tisch- und Wandkalender erweitert, die als Zierde und Blickfang im Büro dienen sollten. Da war der Weg zu einer Schreibunterlage nicht weit.“
Erste Skizze zur Area Tischunterlage, 1986. © Kuno Prey
„Ettore Sottsass hatte für Nava einen Entwurf gemacht, für den man einen digitalen Kalender, einen Taschen­rechner und eine Digitaluhr hätte produzieren müssen – doch aufgrund der geringen Stückzahlen fand man für die Elektronik­komponenten keinen Hersteller.“ So machte sich Prey daran, eine Alternative zu entwerfen. Ein Besuch auf der Kunststoffmesse K in Düsseldorf brachte ihn auf die richtige Fährte: „Ich sammelte dort Broschüren über das von Bayer entwickelte Polyurethan. PU-Integral­schäume wurden damals schon in der Automobil-Industrie eingesetzt, etwa bei Lenkrädern. Ein experimentier­freudiger Kunststoff-Experte half mir dann, die Idee in vielen Versuchen so umzusetzen, dass eine perfekte mattschwarze Fläche möglich wurde, die durch die Integralschaum-Technologie eine zum Schreiben ideale Oberfläche bot.“ Und die Noppen? Haben diese eine Funktion, jenseits der reinen Strukturierung? Prey: „Ja, natürlich – denn sie helfen, ein flach aufliegendes Blatt Papier leichter anzuheben, in dem man es an den Rand, zu den Noppen hin schiebt. Diese heben es dann an und so wird es erleichtert, das Blatt mit den Fingerkuppen zu greifen. Ich habe auch gesehen, dass manche Nutzer die Noppen beim Telefonieren mit den Fingern umspielen – so etwas kann man als Designer gar nicht planen. Aber es ist ein schöner Zusatznutzen. Für mich vermittelt die Area Ruhe – und schafft einen Bereich zum Arbeiten. Es mag auf dem Rest des Schreibtisches Chaos herrschen – die Unterlage fordert zur Disziplin auf. Man muss zumindest diese Fläche freiräumen und ordnen und kann sich dann an die Arbeit machen.“ Seit über 20 Jahren ist die Unter­lage bei Dieter Rams nun schon in Benutzung und sieht fast noch aus wie am ersten Tag – die kluge Materialwahl in Kombination mit einer sorgsamen Nutzung machen die Area zu einem wahrhaft langlebigen und ästhetisch zeitlosen Gegenstand im Kronberger Arbeitsraum. Farblich gibt es heute auf dem Schreibtisch eine formale Brücke zur schwarzen Tolomeo-Leuchte, so dass zwei Mailänder Klassiker den Rams-Schreibtisch durchaus mit einer gewissen italienischen Eleganz ausstatten. Beide indes stehen fraglos in der Tradition klarer, sachlicher Gestaltung deutscher Provenienz.
Heute korrespondiert eine schwarze Tolomeo-Leuchte mit der Tischunterlage. Foto: Cassandra Peters © rams foundation

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