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Die Bofinger-Stühle im Rams-Garten

Gerrit Terstiege

Vier blaue Bofinger-Stühle gehören seit 1971 zum Garten des Rams-Hauses. Sie spielen dort eine wichtige Nebenrolle, etwa auf zahlreichen Fotos in Buchbeiträgen und Presseartikeln und natürlich auch im Film von Gary Hustwit, erschienen 2018, wo Dieter Rams in einer Szene am Gartentisch sitzt, mit seiner Frau Ingeborg spricht oder ein Bonsaibäumchen beschneidet. Wichtig sind die Stühle nicht nur unter dem funktionalen Aspekt, Sitzgelegenheiten zu bieten, sondern auch, weil das Ensemble im Garten einen farblichen Kontra­punkt zu den natürlichen, mit den Jahreszeiten wechselnden Kolorationen der Pflanzen und Bäume bildet. Vergleicht man indes den satten, glänzenden Blauton eines frühen Bofinger-Stuhls, auch genannt BA 1171, der sorgsam unter Idealbedingungen etwa in der Sammlung des Vitra Design Museums aufbewahrt wird, mit jenen im Rams-Garten, kommt man womöglich zu dem Schluss, dass letztere mit den Jahren schöner gewor­den sind. Der verwitterte und von der Sonne ausgeblichene Blauton dieses Quartetts hat etwas Natürliches, Unaufdringliches bekommen – vielleicht mag man sogar an Rilkes berühmtes Gedicht „Blaue Hortensie” denken, deren Blätter der Dichter als „trocken, stumpf und rauh” beschrieb. Ein wunderschöner Farbton, der einmal mehr beweist, dass es sich lohnt, Dinge lange zu nutzen und zu bewahren. Denn nur in vielen Jahren bildet sich eine solche Patina, die die Spuren des Lebens, und jene von Sonne, Wind und Wetter zeigt. Darin liegt gleichzeitig eine Herausforderung für heutige Designerinnen und Designer: Materialien zu wählen, die Jahrzehnte halten, statt leicht zu brechen und somit ein Objekt unbrauchbar zu machen. Lange Nutzungs­zyklen schon in der Entwurfsphase anzustreben und vermehrt „patina-fähige“ Werkstoffe zu nutzen – ein Wort des Gestalters Günter Horntrich –, ist heute wichtiger denn je. Dieter Rams hat es vorgemacht und vorgelebt: viele der von ihm gestalteten Produkte, ob für Braun, Vitsœ oder FSB, tun auch nach Jahrzehnten noch ihren Dienst und erfreuen ihre Nutzer weltweit.
Seit dem Jahr des Einzugs gehören vier Bofinger-Stühle zum wohldurchdachten Bild des Rams-Gartens.
Winterliche Stimmung: Seit dem Jahr des Einzugs – 1971 – gehören vier Bofinger-Stühle zum wohldurchdachten Bild des Rams-Gartens. © Klaus Klemp/rams foundation
Der Bofinger-Stuhl, im Sommer 1966 grafisch inszeniert von Karl Oskar Blase auf dem Titel von form 34, war Mitte bis Ende der 60er Jahre eine vielbeachtete Neuheit und ist bis heute design-historisch relevant, da er der erste Stuhl war, der komplett aus Kunststoff gefertigt wurde. Damit ist er zum Vorbild von etlichen Monobloc-Varianten geworden, von denen allerdings die allermeisten unter ästhetischen Gesichtspunkten zu vernach­lässigen sind. Weniger elegant und weniger skulptural als der Panton Chair, ist dem Bofinger-Stuhl seine Fertigungstechnik klar anzusehen. Warum? Die Form war das Ergebnis der Abarbeitung von Anforderungen: Stapelbarkeit und Belastbarkeit – und jener der damals wohl einzig sinnvollen Herstellungs­weise. Mathias Remmele beschreibt im „Atlas des Möbeldesigns” das sogenannte Prepreg-Verfahren, das beim Bofinger-Stuhl zum Einsatz kam: „Hierbei wurden vorfabrizierte, in durchgefärbtem Polyester getränkte Glasfaser­matten verwendet. Diese wurden in einer Pressform aus geschmiedetem Stahl mit einem Druck von über 300 Tonnen und bei einer Temperatur von ca. 145 Grad Celsius geformt. Nach dem Pressvorgang, der nur fünf bis zehn Minuten dauerte, mussten nur noch die Kanten des Stuhls abgeschliffen werden”. Der Name seines Designers ist leider heute fast so gut wie vergessen, denn wiederum anders als beim Panton Chair, war nicht ein Herr Bofinger der Gestalter, sondern ein Karlsruher Architekt namens Helmut Bätzner (1928-2010). Bofinger indes war der Name der Firma, die half, den ersten Monobloc zur Pro­duktionsreife zu führen und lange vertrieben hat. Kurioserweise steht der Bofinger-Stuhl in enger Verbindung mit einem renommierten Bauprojekt Helmut Bätzners: dem Badischen Staatstheater. Denn für diesen Kulturbau wollte der Architekt eigens eine vielfältig nutzbare Bestuhlung entwerfen – und begann um 1964/1965 mit der Entwicklung eines leichten und preiswerten Stapelstuhls. Der Rest ist Geschichte. Auch wenn der BA 1171 besonders in den 1970er Jahren in vielen Cafés, Krankenhäusern und Kantinen zu finden war, schien er im hochkulturellen Umfeld des Staatstheaters wohl etwas fehl am Platze. Dort kam er, laut Remmele, nie zum Einsatz. Die Pro­duktion begann im April 1968 und sollte erst 1984 enden. Andere, noch billigere Kunststoffe, die sich weniger aufwändig verarbeiten ließen, kamen in Mode. Sein Ende war besiegelt. Aber siehe da: die angesprochenen Zeitungs- und Magazinartikel über Dieter Rams, die Kameraschwenks in Filmbeiträgen, haben gerade die blaue Variante unter Braun-Sammlern begehrenswert gemacht. Und so werden heute noch zahlreiche Exem­plare von ihren Besitzern gepflegt und hochgeschätzt. Ganz gleich aus welchen Gründen: die sorgsame Langzeit-Nutzung, über Jahrzehnte, ist besser als jedes vorschnelle Recycling.

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