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Der Türdrücker FSB 1138 von Dieter Rams

Klaus Klemp

Der Türdrücker FSB 1138 (rsg 1).
Der ab 1988 produzierte Türdrücker FSB 1138 (rsg 1) von Dieter Rams. © FSB
Architektur bewohnt man, arbeitet darin oder besucht sie etwa aus religiösen, kulturellen, sportlichen, konsumptiven oder rein ästhetischen Gründen. Nur berührt man sie außer beim Fensterputzen eigentlich kaum. Gut, man kann auch an der Wand lehnen, was besser ist als dagegen gestellt zu werden. Allerdings gibt es einen täglichen Kontakt zum Anfassen von Architektur, und das ist die Türklinke. So „öffnen sich Türen“, womit man schon einmal beim Symbolischen und Bedeutungsvollen von Dingen ist.

Hersteller solcher Klinken oder Türdrücker gibt es viele, auffällig geworden ist vor allem einer, weil er die Gestaltung seiner Artefakte nicht nur pragmatisch-funktional, sondern im weitesten Sinne auch kulturell gesehen hat. Dazu bedurfte es des Zusammenkommens einiger untypischer Protagonisten.

Im Juli 1981 wurde ein Jurist mit Management­erfahrung in der Großindustrie zum Geschäftsführer des mittelständigen Türklinken­herstellers FSB in der ostwestfälischen Provinzstadt Brakel. Was der 43-jährige Jürgen W. Braun (nicht verwandt mit dem Elektro­hersteller Braun) vorfand, war ein gediegenes mittelständiges Unternehmen mit passablem, aber nicht gerade aufregendem Programm. Bei seinen gemäßigten Moderni­sierungs­überlegungen geriet er jedoch 1985 an einen Radikalen, den renommierten Grafikdesigner Otl Aicher, Mitbegründer der HfG Ulm, visueller Modernisierer der Lufthansa und erfolgreich Verantwortlicher für das Corporate Design der Olympischen Spiele in München 1972, hochgelobt für die Leichtigkeit und Internationalität seiner Entwürfe.

Aicher hat der Franz Schneider Brakel GmbH, FSB, nicht gleich ein neues Grafikdesign verpasst („Ich bin doch kein Firmenanstreicher“), sondern den CEO gefordert, darüber nachzudenken, was er da eigentlich macht und was Greifen und Griffe bedeuten. Er riet zunächst zur Buchpublikation, was auch geschah und dem Unternehmen das Image „Buchverlag mit angeschlossener Klinkenproduktion“ einbrachte. Später gab es dann aber auch noch ein hervorragendes Grafikdesign.

Am 20. September 1986 veranstaltete Jürgen W. Braun etwas, was noch keinem anderen Unternehmen in der Branche eingefallen war, und die bodenständigen Anteilseigner befürchten ließ, dass ihr Geschäftsführer etwas größenwahnsinnig geworden sein könnte. Zu einem „Türklinken-Workshop“ wurden international bedeutende Architekten der 80er Jahre wie Mario Botta aus der Schweiz, Alessandro Mendini aus Italien, Peter Eisenman aus New York, Shōji Hayashi und Arata Isozaki aus Tokio, Hans Hollein aus Wien, Petr Tučný aus Prag sowie Hans-Ulrich Bitsch und Dieter Rams aus Deutschland nach Ostwestfalen eingeladen. Nicht gerade ein Hotspot der Designszene, aber eine Abgeschiedenheit, die zu intensivem Arbeiten führte.
Die Teilnehmer des „Türklinken Workshops“. © FSB / Timm Rautert
Aus den neun dabei entstandenen Entwürfen wurden diejenigen von Hollein, Mendini, Botta und Rams ins Programm übernommen. Im Gegensatz zu den Modellen der Postmoderne zuzurechnenden Architekten Mendini, Botta und Hollein fiel der Entwurf FSB 1138 von Dieter Rams erwartungsgemäß sachlicher aus. Doch von der Produktsemantik her war er nicht weniger komplex.

Der große silberfarbene Kreis signalisiert als wichtigstes Designelement die Drehung, sozusagen die Grund­funktion einer Türklinke. Der Hals aus Aluminium wird auf der Vorder- und Rückseite mit Thermoplast aufgefüttert und ergibt so ein komfortables Volumen für die Hand. Die untere Mulde am Drücker ist der passende Ort für den Zeigefinger, um die Klinke fest zu umgreifen.

Otl Aichers Suche nach dem allgemein richtigen Griff mündete schon 1985 in die „Vier Gebote des Greifens“: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Das war beim Rams-Entwurf, der auch unter der Bezeichnung rsg 1 (rams schwarz grau) firmierte, perfekt umgesetzt. Die Zeigefingerkuhle war bei Braun allerdings schon 1968 beim Handrührer M 140 eingeführt worden. Da war Rams dem Chefdenker Aicher wohl etwas voraus.
Der originale rsg 1 von 1988. © FSB
Der neue rsg 1 in Aluminium Pure. © FSB
Während des Workshops in Brakel entstanden dann noch zwei weitere Entwürfe von Dieter Rams, die er zusammen mit seiner als Assistentin mitgereisten Hamburger Studentin Angela Knoop entwickelte, die Türdrücker rgs 2 und rgs 3.

Im Anschluss an den Wettbewerb erweiterte Rams sein Türdrücker-Programm auf insgesamt 27 Variationen, zu denen neben den ersten drei Modellen auch Fenstergriffe, Rosetten, Schilder, eine Reihe von Sondermodellen, ein Schrankgriff und ein Türstopper gehörten. Rams war seit seiner Ent­wurfs­tätigkeit für Vitsœ im Möbelbereich mehr und mehr auf ganze Systeme und nicht nur auf Einzel­lösungen bedacht.
Dieter Rams und Jürgen W. Braun bei der Diskussion des Gesamtprogramms in Kronberg. © FSB / Timm Rautert
1996 stattete der Architekt Christoph Ingenhoven den 127 m hohen, 30-stöckigen RWE-Turm in Essen komplett mit Griffen des Typs rgs 1 aus.

2001 wurde dann die Produktlinie eingestellt, sei es aus technischen Gründen, sei es, dass der damaligen Geschäftsführung der richtige Blick aufs Design fehlte. 2023 allerdings hatte der neue Co-Geschäftsführer Jürgen Hess den Mut, die Klinke von Dieter Rams wieder neu aufzulegen. Mutig, weil neu konstruiert werden musste und zunächst eine nicht unerhebliche Investition zu stemmen war.

„Es gibt eine Zeit für Plastik, für Aluminium, für Edelstahl. Die Symbolik der Materialien darf man nicht übergehen“, so Jürgen W. Braun 2001 in einem Interview anläßlich seiner Pensionierung. Die Zeit für Plastik und auch für glänzendes Aluminium ist im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert aus ökologischen Gründen wohl abgelaufen. Daher schlug FSB bei der Neuauflage von rsg 1 eine Konstruktion aus Ganzmetall mit der neuen Oberfläche Aluminium Pure vor. Rams, der schon seit den 1970er Jahren für eine umweltverträgliche Gestaltung plädierte, stimmte dem zu, brachte mit seiner Forderung nach einer nach wie vor richtigen Balligkeit die Techniker bei FSB allerdings zum Schwitzen. Denn Metall hat nun einmal andere Bearbeitungs­möglichkeiten als Kunststoff. Nach einem Vierteljahr intensiver Arbeit gelang es schließlich. Der gesamte Drücker wird nun vor Ort in Brakel aus hellem und dunklem oder ganz schwarzem Aluminium produziert.
Die neuen Türdrücker FSB 1138. © FSB / Rendering: Haw-lin Services
Dieter Rams These, dass gutes Design langlebig sein soll, findet in der Neuauflage seines 40 Jahre alten Entwurfs nicht nur eine gestalterische, sondern auch eine wirtschaftliche Bestätigung. Man muss wahrlich nicht immer wieder alles neu erfinden.

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