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Die Front des RT 20 greift das Layout des SK4 auf
Foto: Gerrit Terstiege

„Einfachheit bedeutet
nicht bloß eine Box
zu entwerfen, sondern Harmonie zu schaffen“

Interview mit Naoto Fukasawa

Gerrit Terstiege (GT): Herr Fukasawa, Einfachheit und Minimalismus sind Begriffe, mit denen Sie und Dieter Rams beide verbunden sind. Gibt es in Ihren Augen eine typisch deutsche und eine typisch japanische Art der Einfachheit?

Naoto Fukusawa (NF): Ja. Meiner Meinung nach besteht die deutsche Einfachheit darin, sicherzustellen, dass eine Form nicht im Widerspruch zu technischen Elementen steht. Mit anderen Worten: Sie ist ein reiner Ausdruck des „form follows function“. Andererseits scheint die japanische Einfachheit das Ergebnis möglichst weniger Elemente zu sein, was in unserem Motto „leicht, dünn, kurz und klein“ zum Ausdruck kommt. Es bedeutet, dass das Objekt selbst irgendwann verschwindet und nur seine Funktion übrigbleibt. Im Vergleich dazu geht es zum Beispiel in Deutschland bei der Gestaltung eines Türgriffs darum, ihn fest, ergonomisch, massiv und robust zu machen – während in Japan die Tendenz besteht, Türgriffe fast zum Verschwinden zu bringen. Einfachheit im deutschen Sinne drückt sich in der Form aus, Einfachheit im japanischen Sinne scheint eher als Idee zu existieren, bevor sie sich in einer Form ausdrückt.

GT: Meinen Sie, dass sich Einfachheit – als Phänomen oder Attribut – mit dem Zeitgeist verändert? Oder bleibt sie tendenziell gleich?

NF: Ich denke, auch Einfachheit als Phänomen unterliegt gewissen Strömungen. Persönlich glaube ich, dass die ultimative Einfachheit erreicht wird, wenn alles in einer Art Minimalismus verschmilzt und mit der Umgebung harmoniert, sodass nur die jeweiligen Funktionen übrig bleiben und die Dinge ein Teil der Natur werden.

GT: Wann haben Sie zum ersten Mal von Dieter Rams gehört oder gelesen?

NF: Das war in der Universität. Ich kannte den Namen Braun, der damals, in den frühen 1980er-Jahren, zumindest in meinen Augen, gleichbedeutend mit dem von Dieter Rams war. Und umgekehrt.

GT: Welche Braun-Produkte waren damals in Japan erhältlich?

NF: Ich glaube nur die Rasierer, vielleicht ein paar Haartrockner. Ich habe an meiner Universität einen Produktdesign-Kurs belegt. Meiner Erinnerung nach verfügten die Lehrer nicht über umfassende Designkenntnisse, aber sie zogen Braun-Produkte als Beispiele heran, um verständlich zu machen, was gute Gestaltung ist. Und um uns erklären zu können, wie wichtig eine Designphilosophie sein kann, wie wichtig Details sein können. Allerdings zeigten uns wiederum andere Lehrer im Art Center sehr ausgefallene Autodesigns. Wir Studenten waren daher verwirrt von diesen beiden, sehr unterschiedlichen Positionen.

GT: Sie mussten sich also entscheiden, auf welcher Seite Sie stehen wollten?

NF: Nein, beide Wege haben mich interessiert. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich als Student entscheiden musste. Damals folgte ich nicht einfach der einen oder anderen Richtung, sondern versuchte zu verstehen: Was ist Design? Aber nach einer Weile habe ich gesehen, wie schwierig es ist, einfache Dinge herzustellen, die Technologie erfordern. So habe ich nach meinem Abschluss von Dieter beziehungsweise von Braun gelernt, was es bedeutet, zum Beispiel bei einem technischen Produkt keinen schrägen Winkel zu haben. Wie schwierig es ist, ein Werkzeug ohne Formschräge herzustellen, und wie teuer es ist. Dieter ist für mich der „Held der rechtwinkligen Gehäuse”. Es ist so schwer, Technikern, die die Produktion immer einfach machen und den günstigsten Weg wählen wollen, die ästhetische Relevanz eines rechten Winkels zu vermitteln. Fast alle Ingenieure sagten zu mir: „Das geht nicht“ und dann konnte ich entgegnen: „aber Braun macht das.“ Ich denke, Dieter hat schon sehr früh Gehäuse mit 90-Grad-Winkeln entworfen.

GT: Was hat Ihnen ganz allgemein an Braun-Produkten, an Rams-Entwürfen gefallen?

NF: Ihre Ehrlichkeit und Integrität. Für mich sind sie übrigens gar nicht cool, sondern freundlich.

GT: Dennoch halten viele Braun-Produkte immer noch für technische, sehr männliche Produkte. Würden Sie da zustimmen?

NF: Nein, das glaube ich nicht. Sie sind sehr warm.

GT: Vielleicht wird dieser Aspekt oft übersehen, wenn Produkte nur als Fotos bekannt sind. Je nach Blickwinkel oder fotografischem Stil können Entwürfe von Rams sehr streng wirken. Und gerade wenn es um die Produkte der Fünfziger- und Sechzigerjahre geht, kennen die meisten sie nur von Fotos in Designbüchern, Zeitschriften, von Websiten oder Instagram. Aber wenn man tatsächlich mit einem Radio lebt und es jeden Tag nutzt, erkennt man seinen Charakter – die Art, wie es sich anfühlt, die Art, wie es klingt, das warme Licht seiner Skala …

NF: Das stimmt. Das sehe ich genauso. Denken Sie nur an die Drehknöpfe des Radios T 52 – sie sind nur ein wenig schräg, haben einen dezenten Winkel, sodass sie sich leichter mit den Fingerspitzen steuern lassen. Ein rein minimalistischer Ansatz wäre gewesen, einfach die Form eines Zylinders zu wählen. Aber Dieter hat diesen Winkel gewählt, um es benutzerfreundlicher zu machen. Eine erstaunliche Wahl. Und Professor Klemp hat mir einmal eine Nizo-Kamera geschenkt, die ist auch wunderbar. Und Dieter schenkte mir den Braun-Taschenrechner, der die iPhone-App beeinflusst hat. Das war eine wunderbare Geschichte.

GT: Ja, als solche Bilder im Netz viral gingen, änderten sie seine Rezeption grundlegend, vor allem international. Denn das iPhone wurde und wird ja millionenfach verkauft. Was würden Sie sagen, haben Sie von Dieter Rams gelernt?

Historisches Treffen: 2012 besuchte Naoto Fukasawa Dieter Rams in seinem Haus in Kronberg
© Studio Fukasawa

NF: Von ihm habe ich gelernt, an gutes Design zu glauben. Eine Einstellung, die sich nie geändert hat. Dass gute Gestaltung zu einem besseren Leben führt. Das ist seine Philosophie. Vielleicht könnte man das als stur bezeichnen. Aber er hat eine sehr klare Haltung. Und es ist wichtig, dass ein Designer seinen Überzeugungen treu bleibt.

GT: Viele Menschen halten Dieter Rams heute für einen „Autoren-Designer“ mit seiner eigenen, typischen Formensprache – aber natürlich war er über vier Jahrzehnte bei Braun und hat sich und seinem Team klare Leitlinien gesetzt. Welches Arbeitsmodell bedeutet Ihrer Meinung nach mehr Freiheit: als festangestellter Designer für eine einzelne Firma zu arbeiten? Oder wie Sie heute als freier „Autoren-Designer“ für verschiedene Unternehmen zu entwerfen?

NF: Ein eigenes Designstudio zu haben und mit verschiedenen Unternehmen zusammenzuarbeiten, wie ich es tue, bedeutet zwangsläufig, dass ich verschiedene Arten von Dingen entwerfe. In dieser Hinsicht denke ich, dass meine Position flexibler ist. Ich glaube jedoch nicht, dass Dieter als Designer weniger Freiheiten hatte. Er hat das Produktdesign drastisch verändert, indem er prägnante Grundsätze für sich und sein Team aufgestellt hat, wie zum Beispiel die 10 Prinzipien für Gutes Design. Er tat dies nicht auf übertriebene Art, eher auf ruhige Weise – und das war sehr effektiv. Die prägnanten, aber dennoch strengen Richtlinien ermöglichten es ihm, frei von vorgefassten Konzepten zu sein. Daher glaube ich, dass er in der Lage war, ein solches Gesamtwerk zu schaffen. Ich habe mit meinem Team Philosophien, Regeln und Konzepte für meinen Designansatz festgelegt, die wir teilen, um die qualitative Konsistenz unserer verschiedenen Produkttypen aufrechtzuerhalten. Es handelt sich eindeutig um eine von Dieter gelernte Methode, das Konzept von Schönheit und Essenz frei und ohne vorgefasste Meinungen zu verfolgen. Diese Einstellung hat sich, seit ich mich vor 20 Jahren selbstständig gemacht habe, nicht verändert. Aber als ich gerade erst Designer geworden war, in den frühen 80er Jahren, gab es eine andere Bewegung: die Postmoderne. Dann kam eine Zeit, in der die emotionale Gestaltung von Hartmut Esslinger und Frog Design, Dieters Prinzipien altmodisch erscheinen ließ.

GT: „Form follows fun“, lautete der Slogan, den Esslinger damals propagierte.

NF: Richtig. Und dann wurde mit Philippe Starck ein noch organischeres, emotionaleres Design stark. Vielleicht ist die Arbeit von Dieter Rams 20 Jahre lang, von den frühen 1980ern bis zu den frühen 2000ern, bei vielen aus dem Blick geraten. Aber in dieser Zeit vertraute er immer noch seinem Weg und arbeitete stillschweigend weiter. Der Einfluss von Starck verschwand und Jasper Morrison rückte in den Vordergrund. Und mit Jasper hatte Dieter ein großartiges Comeback und wurde erneut zum Helden, mit einer sehr starken Wirkung. Auf sture Weise war er konzentriert auf das, was richtig und was falsch ist. Das hat einen großen Unterschied gemacht: weiterhin die Dinge zu tun, an die er glaubt. Natürlich verändern sich die Wirtschaft und die Technik und wir müssen als Designer neue Formen und Funktionen schaffen. Aber in meinen Augen hat Minimalismus mehr Seele und ist ein philosophischerer Ausdruck. Eher eine Denkweise. Einfachheit bedeutet nicht bloß, eine schlichte Box zu entwerfen, sondern Harmonie zu schaffen. Für Mensch und Umwelt.

GT: Passt also ein Rams-Radio wie das RT 20 auf Ihrem Schreibtisch noch in unser Leben?

NF: Ich denke schon.

GT: Welches Rams-Design sticht für Sie heraus?

NF: Auf jeden Fall das TP 2, das Radio kombiniert mit dem kleinen Plattenspieler für 45er Schallplatten. Das ist meiner Meinung nach vielleicht sein bestes Design. Sehr ansprechend ist beispielsweise die braune Farbe des ledernen Trageriemens. Eine ungewöhnliche Farb- und Materialwahl. Es war sehr innovativ, Leder für ein technisches Objekt aus Kunststoff zu verwenden. Das hat großen Eindruck auf mich gemacht. Wer sonst kam auf so eine Idee? Damals niemand. Auch das beim weißen RT 20 verwendete helle Holz wirkt nicht kühl, sondern warm und freundlich.

GT: Da Sie das braune Lederarmband erwähnt haben, lassen Sie uns ein wenig über die subtilen Farben und Farbkombinationen der Rams-Entwürfe sprechen. Ich denke, das helle Grau einiger seiner frühen Radios hat Sie beeinflusst. Ist das richtig?

NF: Ja, Farben können sehr starke Reize aussenden. Ein leuchtendes Gelb oder Rot oder Blau. Aber zu viele Farben auf einmal können ein ziemliches Durcheinander verursachen – und sehen dann nicht sehr elegant aus. Aber mit einem neutralen Grau, das Rams oft verwendet hat, oder mit einem warmen Grauton kann ein schöner Hintergrund, eine wichtige Basis oder Plattform für eine Farbe entstehen. Deshalb liebe ich es, Grau zu verwenden. Sowohl kühles als auch warmes Grau. Fast wie er selbst: Er mimt manchmal den „coolen Kerl“, ist aber eigentlich so nett. (lacht)

GT: Ist Ihnen das aufgefallen, als Sie ihn persönlich kennengelernt haben? 2012 haben Sie ihn ja in Kronberg besucht.

NF: Ja, das war ein großer Moment in meinem Leben. Unvergesslich. Weil er mein Mentor ist. Aber als er mich in sein Haus einlud, wurde ich für ihn zu einem echten Designer. Er führte mich durch das Haus und zeigte mir alle Räume. Sehr großzügig. Besonders gut schien ihm die Werkstatt im Erdgeschoss zu gefallen, in der die verschiedenen Werkzeuge an den Wänden hängen. Das ist seine ganz eigene, geheime Welt. Er war sehr stolz, mir das alles zu zeigen, und ich war natürlich beeindruckt. Ich erinnere mich, dass auf einem seiner Schreibtische eine Fräsplatte lag, ein Rohmaterial des MacBook Pro, signiert von Jonathan Ive, das er Dieter geschenkt hatte. Es kam mir vor wie eine technische Skulptur. Doch ich denke, der schönste Platz in seinem Haus ist sein Vitsœ-Schreibtisch mit schwarzer Unterlage zum Zeichnen, er nutzt ja noch Bleistifte und sitzt auf einen recht kleinen Hocker, links die „Wandanlage“– das fasst sein Leben perfekt zusammen. Ich habe einige wirklich bedeutende Designer und Architekten kennengelernt. Ettore Sottsass. Alvaro Siza Vieira. Antonio Citterio. Achille Castiglioni. All die Großen. Aber Dieter Rams ist theoretischer, er hat seine Regeln. Mit seinen zehn Gestaltungsprinzipien erstellte er einen Leitfaden.

GT: Nicht zu vergessen: Er hat von Ihnen entworfene Produkte ausgewählt, um sie in einer Wanderausstellung um die Welt zu schicken …

NF: Ja. Dieter wählte Jasper Morrison, Jony Ive und mich als drei vertrauenswürdige Designer aus, um unsere Arbeiten neben seinen auszustellen. Das war eine große Ehre. Die Ausstellung fand 2009 im Fuchu Art Museum in Tokio statt und trug den Titel „Pure Forms: The Era of Dieter Rams – Reconsideration of Functionalist Design“.

GT: Kommen wir zu einem aktuellen Produkt von Ihnen: Wie ist bei Ihnen die Idee zu Ihrem neuen „Asari“-Stuhl für Herman Miller entstanden?

NF: Ich glaube, dass bei jeder Art von Produkt, die es gibt, die besten und einfachsten Dinge immer diejenigen sind, die es bereits irgendwo auf der Welt gibt. Was den Asari-Stuhl betrifft, glaube ich, dass er eher einzigartig als einfach ist. Ich glaube jedoch, dass Einzigartigkeit und Einfachheit sich nicht widersprechen – und dass das Konzept der Einfachheit auch in Dingen existiert, die einzigartig erscheinen. Deshalb hat man den Asari-Stuhl als einfach beschrieben. Ob etwas wirklich einfach ist oder nicht, hängt davon ab, wie rein und kompromisslos die ursprüngliche Idee verkörpert und umgesetzt wird. Die ikonischen und reinen Elemente sind der Einfachheit inhärent. Schlichtheit ist zum Beispiel auch in der Gestaltung eines Buchs von William Morris mit seinen Pflanzenmotiven zu erkennen. Und natürlich ist Schlichtheit auch beispielsweise ein Merkmal der Schweizer Typografie.

GT: Eine letzte Frage zu der von Ihnen gegründeten „Design Science Foundation”. Was ist die Idee der Stiftung? Ihr Name erinnert mich an die Ära der HfG Ulm, als Design rational und ein eher wissenschaftlicher Prozess sein sollte.

NF: Der Hauptauslöser war zweifellos die Tatsache, dass meine Designphilosophie und Denkweise bereits durch die Ökologische Psychologie beeinflusst worden waren. Ökologie ist auch eine Wissenschaft, die dabei hilft, die Beziehung zwischen der Umwelt und den Menschen zu erhellen – was den Zielen von Design ähnelt. Ich denke, wenn man Gestaltung als Wissenschaft auffasst, werden auch Phänomene wie Inspiration und die Herkunft von Ideen klarer – denn diese Aspekte waren früher sozusagen voneinander getrennte “Black Boxes”. Und wenn Sie den Eindruck haben, dass der Name meiner Stiftung an die Hochschule für Gestaltung Ulm erinnert – so ist das völlig richtig. Ich glaube, dass sogar menschliche Emotionen als körperliche Funktionen wissenschaftlich erklärt werden können.

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