Ein leuchtendes Beispiel für langlebige Gestaltung:
die PH5
Gerrit Terstiege
Vorbereitung eines Radrennens im Forum Copenhagen. Foto: gemeinfrei
Betrachtet man die Vielzahl seiner Leuchten-Entwürfe, bei denen die meisten einen konzentrischen Aufbau aus gestaffelten Schirmen aufweisen, so mag aus heutiger Sicht vielleicht nicht jedes Exemplar überzeugen. Manche seiner Modelle führen die Idee der Abschattung durch Kaskaden aus Blech fast ad absurdum, so raumgreifend-skulptural nehmen sie sich aus. Seine Paris Lamp etwa, die 1925 auf einer Messe ein der französischen Metropole vorgestellt wurde, zeigt im Ansatz genau das, was seine PH5 als Wohnraumleuchte so überzeugend macht, ohne aber deren zurückhaltende Ruhe und Eleganz auszustrahlen. Gerade eine Pendelleuchte ist ja über weite Teile des Tages nicht in Gebrauch – eben wenn das Tageslicht das Anschalten überflüssig macht. Und hier kommt das im Zusammenhang mit dem Braun-Design ab 1955 oft benutzte Bild des „englischen Butlers” ins Spiel, der sich dezent im Hintergrund hält, wenn er nicht gebraucht wird. Auch dafür ist die PH5 ein leuchtendes Beispiel. Gleichwohl bleibt ja ein nicht-eingeschaltetes Gerät durchaus sichtbar. Daher ist die äußere Form eines Produkts auch dann noch funktional, wenn es nicht in Gebrauch ist. Dies zeigen Fotos der Leuchte über dem Vitsœ-Esstisch 720 im Rams-Haus sehr anschaulich.
Die PH5 im Rams-Haus über dem Vitsœ-Esstisch 720.
Foto: Cassandra Peters © rams foundation
Seit Jahrzehnten kommt sie dort zum Einsatz und ein Austausch für ein modisches, aktuelles Leuchten-Design scheint ganz und gar undenkbar. Vielmehr ist die bewusste Entscheidung für qualitätvolle und langlebige Produkte im Hause Rams an zahlreichen Dingen ablesbar. Und die Freizügigkeit, mit der Dieter und Ingeborg Rams über viele Jahre ihre privaten Wohnräume haben ablichten lassen, hat dazu geführt, dass ihre Haltung im Sinne langlebiger Gestaltung längst Vorbildcharakter besitzt – weltweit. Wer nun eine PH5 in den eigenen vier Wänden nutzen möchte, kann bis heute eine Vielzahl farblicher Varianten über Louis Poulsen beziehen. Oder auf gut erhaltene, gebrauchte Exemplare zurückgreifen, wie sie beispielsweise von Yasmin und Frank Mevissen vertrieben werden. Der Name ihres Vintage-Design-Ladens, Achtgrad, nimmt übrigens Bezug auf die von Dieter Rams gestaltete und ab 1973 produzierte Braun-Anlage audio 308, deren Bedienfeld um acht Grad geneigt ist. Aber das ist eine andere Geschichte .
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