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„Läuft und läuft und läuft…“, die Braun citromatic MPZ 2 von 1972

Klaus Klemp

Das seit über 50 Jahren unverändert hergestellte Produkt der Marke Braun ist eine kleine, unspektakuläre Zitruspresse. Derer gibt es auf dem Markt viele, mit unterschiedlicher Technik, um den Saft der Orange oder sonstiger Zitrusfrüchte vom Rest zu trennen. Zur Technik dieser Presse trifft der alte Werbespruch des VW Käfers zu, übrigens auch ein extremes Langzeitdesign: „Sie läuft und läuft und läuft und läuft und läuft …“. Langlebige Technik trifft auf ein langlebiges Design. Und das läuft bis heute auch im Verkauf.

1962 erwarb das 1921 in Frankfurt am Main gegründete Unternehmen Braun den spanischen Haushaltgeräte­hersteller Industrias Pimer S.A. bei Barcelona und formte ihn zu Braun Española um. Das Design kam nun vor allem aus Kronberg im Taunus, übernommen wurde jedoch auch der Konstrukteur und Gestalter Gabriel Lluelles Rabadà, der schon lange als Mann vor Ort wirkte und der eine der gelungensten Küchenmaschinen von Braun mitbetreute. Der Entsafter citromatic, seit Ende der 1960er Jahre entwickelt, verfügt über eine bemerkenswert effiziente und robuste Technik, die von spanischer Ingenieurskunst zeugt. Auch bei starkem Druck mit einer Orangenhälfte auf den Pressdorn rotiert das Gerät während des Betriebs nicht auf der Standfläche sondern steht felsenfest. Viele Geräte sind dabei seit Jahrzehnten in Betrieb. Sie wurden zunächst speziell für den spanischen Markt entwickelt, da man hier auch die vielen Bars und Cafés erreichen wollte. Tatsächlich findet man bis heute noch auf mancher Theke dieses außerordentlich wohlgeformte Gerät, das wie eine stumpfe Säule mit auskra­gen­dem, „dorischen“ Kapitell daherkommt. Gestaltet wurde es vor allem von den Braun Designern Jürgen Greubel und Dieter Rams. Signifikant verraten der Auslauf und der große Pressdorn mit seiner umfließenden trans­parenten „Schneewittchensarg-Abdeckung“ worum es bei diesem Gerät geht: um frisch gepressten Orangensaft. Im abgenommenen Acryldeckel können auch die ausge­pres­sten Orangenschalen gestapelt werden. Zunächst hatte diese Abdeckung bei Abwesenheit der deutschen Gestalter in Barcelona Gabriel Lluelles entworfen. Er sah eine topfförmige, zylindrische Abdeckung vor, die umgekehrt auf die Standfläche gelegt sicher ein gutes Gefäß für zahlreiche Orangen­schalen war. So wurde sie zunächst auch produziert. Nur ästhetisch wirkte das Gerät damit eher plump. Dieter Rams musste heftig bei der Geschäftsleitung intervenieren, damit der „Topf“ durch seine „Kuppel“ ersetzt wurde. Beide Varianten nebeneinander zeigen welch ästhetischen Unterschied ein solches Detail machen kann.

Neben der visuellen Langlebigkeit ist die Zitruspresse auch ein Beispiel für eine selbsterklärende Funktiona­lität. Sie benötigt keinen Schalter, sondern der Druck auf den Dorn setzt ihn in Bewegung. Wie bei der zwei Jahre zuvor entstandenen Presse MP 50 ist auch hier der Gehäusezylinder unter dem Auslauf konkav zurück­geführt, so dass ein Glas intuitiv an den richtigen Ort gestellt und mittig befüllt wird.

Dieter Rams erinnert sich, dass die Pressen in Hotels direkt auf die Frühstückstische gestellt werden sollten, damit die Gäste sich ihre Säfte selbst bereiten konnten. Das kam dann doch nicht zum Zug, denn 20 oder 30 Pressen in einem Raum hätten wohl eine enorme Geräuschkulisse entwickelt. Intuitiv bedienbar wären sie aber selbst von Kindern gewesen, die sicher viel Freude an solch einem „Orangenpressen-Orchester“ gehabt hätten.

Saftpresse „Citromatic MPZ 2 / 21 / 22“, seit 1972, Design Jürgen Greubel und Dieter Rams unter Mitarbeit von Gabriel Lluelles, Gehäuse aus weißem Kunststoff mit Abdeckhaube aus Acrylglas. Links das erste Modell mit „Topfdeckel”, rechts das Modell mit dem von Dieter Rams entworfenen „Kuppeldeckel”.
© rams foundation

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